Das Paterial
Über die Verdinglichung von Information
Seit der Ausstellung “Les Immateriaux”, die J.F. Lyotard 1985 im Centre Georges Pompidou kuratiert hat, hat sich das Verhältnis zur dinglichen Welt noch einmal gewaltig verändert. 25 Jahre extrem be-schleunigter technologischer Entwicklung hat uns an einen hohen Abstraktionsgrad in Kommunikations-wegen und in unserem Weltverhältnis im allgemeinen gewöhnt. Die damals noch weitgehend “analoge“ Welt ist heute durch und durch “digital” geworden.
Damals schrieb Jean-Francois Lyotard:
“Bei dem Begriff ‘Immaterial’ handelt es sich nun um einen etwas gewagten Neologismus. Damit ist lediglich ausgedrückt, daß heute - und das hat sich in allen Bereichen durchgesetzt - das Material nicht mehr als etwas angesehen werden kann, das sich wie ein Objekt einem Subjekt entgegensetzt. Wissenschaftliche Analysen der Materie zeigen, daß sie nichts weiter ist als ein Energiezustand, d.h. ein Zusammenhang von Elementen, die ihrerseits nicht greifbar sind und von Strukturen bestimmt werden, die jeweils nur eine lokal begrenzte Gültigkeit haben... Die zunehmende gegenseitige Durchdringung von Materie und Geist - gleichermaßen deutlich durch die Benutzung von Textverarbeitungssystem - bewirkt nun, daß sich das klassische Problem der Einheit von Körper und Seele verschiebt.”
Der Rausch, der den Philosophen damals bei der Benutzung eines Wordprozessors offensichtlich erfasste, kommt uns heute, angesichts der viel durchdringenderen Möglichkeiten von Informationstechnologie fast niedlich vor. Die damals beschriebene Auflösung der Dingwelt in pure Energien erleben wir heute als Alltagstechnologien, die eine neue “Klasse” von Dingen erzeugt hat, mit denen wir mit einiger Selbstverständlichkeit umgehen. Dieses Phänomene thesenartig zu beschreiben und zu “sehen” zu geben, unternimmt die geplante Ausstellung.
Dazu wir ein neuer Neologismus vorgeschlagen, der die Qualität dieser neuen Dingbeziehung fasst und gleichzeitig, die eigentliche Ungeheuerlichkeit der technischen Entwicklung ausdrücken kann: Das Paterial.
Was ist damit gemeint? - Klassischerweise gibt es drei Weisen für den Menschen auf die Dingwelt Einfluss zu nehmen und sie zu verändern:
1. Mechanisch: Manuelle Bearbeitung oder durch Werkzeuge
2. Physikalisch/Chemisch: Bearbeitung durch die experimentelle/industrielle Nutzung von erfahrenen oder erforschten Naturvorgängen
3. Ästhetisch: Veränderung belebter Materie durch Auswahl und Kreuzung
In allen drei Fällen wird Material durch die Nutzung von Naturgesetzen so verändert, dass es so die gewünschten Eigenschaften annimmt. Die Prozesse laufen immer nach den gefundenen Regeln ab. Semantisch hat sich das in unserem westlichen Sprachgebrauch niedergeschlagen in Begriffen wie Natur, Material die das Verhältnis des Menschen zu den Dingen als eines beschreiben, das die Dinge nicht komplett der Verfügungsgewalt des Menschen unterwirft.
Im Bereich der belebten Natur hat allerdings in den den 25 Jahren seit Lyotard der Einfluss von Informationstechnologie so zugenommen, dass vorher komplett undenkbare Vorgänge Realität geworden sind. Chimären, wie Mäuse, denen menschliche Ohren wachsen, waren bisher Phänomene aus dem Sagenreich. Dass Gentechnologie heute schon industriell genutzt wird und die Zukunft noch stark verändern wird, kann man als Faktum verstehen. Also entsteht eine weitere Weise Einfluss zu nehmen.
4. Informationell: Was das kategorial bedeutet, wollen wir mit dem Neologismus “Paterial” ausdrücken - denn: Bevor etwas “geboren” wird, gibt es nicht nur ein Konzept, sondern einen Eingriff in die Informationsebene. Es gibt keine “Konzeption”, keine Empfängnis mehr, sondern das neue Wesen wird “ausgedacht”. Und erst nachdem ein Stück Information in das Erbgut eines neu zu gebärenden Organismus eingebaut wurde , laufen die “natürlichen” Prozesse ab. In gewisser Weise handelt es sich bei diesen Wesen um “Kopfgeburten”. In Anlehnung an den Göttervater Zeus, wollen wir das neue Dingverhältnis, das durch den Einfluss von Informationstechnologie auf die Genetik entstanden ist, auch semantisch neu fassen und sprechen von nun an nur noch von “Paterial” (“Vaterial” in der deutschen Sprachversion) und “Cogitur”.
In gewisser Weise findet in den oben beschriebenen Entwicklungen das Gegenteil dessen ab, was Lyotard vor 25 Jahren beschrieben hat. Ging es damals um die “Virtualisierung” der Dinge, die uns kollektiv beschäftigt hat, is es heute die Verdinglichung von Information die noch nicht absehbare Effekte auf unser zukünftigen Lebens- und Weltverhältnisse haben wird. Vieles davon findet gegenwärtig unsichtbar und in wenig greifbaren Bereichen statt. Anderes befindet sich schon auf den Regalen der Supermärkte.
Die “Verdinglichung der Information” findet aber auch in unserer visuellen Kultur statt. Kaum jemand findet heute noch etwas dabei, wenn Dinosaurier, die seit Jahrmillionen ausgestorben sind, über die Bildschirme der heimischen Bildschirme wohlgeschützten Schauer verbreiten. Dass dabei das Gefühl fotografischer Gewissheit mit Bildabfolgen generiert wird, die zu 100 Prozent errechnet wurden, dh. Folge der immer erfolgreicher werdenden Informationstechnologie sind, ist bemerkenswert: Wenn ein Wordprozessor vor 25 Jahen mehr Aufregung erzeugt, als ein virtuell erzeugtes Bild ausgestorbener Tiere heute, kann man einen kategorialen Sprung diagnostizieren.
In der Wissenschaft greifen ähnliche Phänomene. Daten der Ergebnisse von Untersuchungen in extremen Mikro- oder Makrobereichen, oder im Inneren von Objekten werden per Computer visualisiert und so “sinnlich” verdinglicht, als ob es Gegenstände der Anschauung wären.
Künstler haben sich in den letzten Jahren die neuen Bildtechniken angeeignet und untersucht. Die Bandbreite schwankt zwischen affirmativer Benutzung und kritischer Auseinandersetzung. Eine Recherche der Künstlerliste ist unterwegs.